Es ist ein Widerspruch, der die Kryptobranche in diesen Tagen beschäftigt: Privacy Coins wie Zcash und Monero notieren so hoch wie seit Jahren nicht, ausgerechnet in dem Moment, in dem die Europäische Union ihren Ausstieg aus genau diesen Anlagen beschlossen hat. Für Anleger im DACH-Raum ist das mehr als eine Randnotiz, denn die neuen Regeln greifen direkt bei den regulierten Handelsplätzen, die unter Aufsicht der BaFin stehen.
Zcash führt die Rallye an
Zcash war in dieser Woche das auffälligste Beispiel. Am 3. September kletterte der Kurs im Tagesverlauf bis auf 979 Dollar, ein Plus von fast 17 Prozent binnen 24 Stunden. Über zwei Wochen summiert sich der Anstieg auf 64,7 Prozent, über 30 Tage auf 88,1 Prozent. Auf Sicht von sechs Monaten hat sich der Kurs mit einem Zuwachs von rund 353 Prozent mehr als vervierfacht. Bei Forbes wurde Zcash am selben Tag mit rund 843 Dollar und einer Marktkapitalisierung von 14,2 Milliarden Dollar als achtgrösste Kryptowährung gelistet.
Auch Monero, der bekannteste Privacy Coin, hielt sich mit rund 515 Dollar und knapp 9,7 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung unter den zehn grössten Kryptowährungen. Hinter der Bewegung steht mehr als reine Spekulation. Die Rechenleistung im Zcash-Netzwerk erreichte mit 27,87 GSol/s zuletzt rund 91 Prozent ihres Allzeithochs, ein Zeichen dafür, dass Miner dem Kurs folgen und Kapazität aufbauen. Gleichzeitig fliesst ein wachsender Teil des Angebots in die abgeschirmten Adressen des Netzwerks, was auf Ansammlung statt Verkauf hindeutet.
Was die EU beschlossen hat
Parallel zu dieser Stärke zieht sich die regulatorische Schlinge zu. Die EU-Geldwäscheverordnung 2024/1624 tritt am 10. Juli 2027 in Kraft und nennt Monero, Zcash und Dash ausdrücklich. Regulierte Plattformen müssen diese Anlagen bis dahin aus dem Angebot nehmen oder empfindliche Sanktionen riskieren. Das Verbot betrifft das Listen, die Verwahrung und die Vermittlung durch beaufsichtigte Anbieter. Privater Besitz und Geschäfte von Mensch zu Mensch bleiben davon unberührt.
Die Verordnung reicht über Privacy Coins hinaus. Barzahlungen über 10.000 Euro werden EU-weit untersagt, und die Pflicht zur Identitätsprüfung sinkt bei Kryptogeschäften auf 1.000 Euro. Für den DACH-Raum bedeutet das einen tiefen Einschnitt, denn erstmals gelten die Regeln unmittelbar in allen Mitgliedsstaaten, ohne nationalen Umsetzungsspielraum. Wie eng der regulatorische Rahmen inzwischen sitzt, zeigt auch der Blick darauf, wie die BaFin unter MiCA Anbieter lizenziert.
Warum der Kurs trotzdem steigt
Auf den ersten Blick wirkt es paradox, dass ein Verbotsbeschluss die Kurse nicht drückt, sondern begleitet von einer Rallye ist. Doch der Markt handelt oft die Erwartung, nicht die Gegenwart. Wenn regulierte Börsen ein Angebot verknappen, kann das die verbleibende Nachfrage auf weniger Handelsplätze lenken und den Kurs stützen. Hinzu kommt ein Narrativ, das Privacy Coins gerade in einer Zeit sinkender Anonymität attraktiver erscheinen lässt. Je enger die Meldepflichten werden, desto grösser das Interesse einer Gruppe von Nutzern an Finanzprivatsphäre.
Zcash unterscheidet sich dabei technisch von Monero. Das Netzwerk erlaubt sowohl transparente als auch abgeschirmte Transaktionen. Diese doppelte Struktur eröffnet regulierten Akteuren theoretisch die Möglichkeit, innerhalb von Compliance-Rahmen zu arbeiten. Ob das den Coin vor der europäischen Delisting-Pflicht bewahrt, ist offen, denn die Verordnung stellt auf die Anonymisierungsfunktion selbst ab, nicht auf ihre freiwillige Nutzung.
Was Anleger im DACH-Raum beachten sollten
Bis Juli 2027 bleibt Zeit, doch die Richtung ist gesetzt. Wer Privacy Coins über eine in der EU regulierte Plattform hält, muss damit rechnen, dass Handel und Verwahrung dort auslaufen. Ein Umzug in die Selbstverwahrung ist möglich, verlagert aber die Verantwortung vollständig auf den Nutzer, samt aller steuerlichen Pflichten. Dass Aufsichtsbehörden bereits heute konsequent gegen unerwünschte Angebote vorgehen, zeigte zuletzt der Fall, in dem EU-Sanktionen Kryptoplattformen sperrten.
Ein Blick auf die Marktstruktur schärft das Bild. Privacy Coins bleiben eine Nische: Zusammen erreichen die grössten Vertreter nur einen Bruchteil der Marktkapitalisierung von Bitcoin. Genau diese geringe Grösse macht sie anfällig für starke Ausschläge in beide Richtungen. Ein Rückzug regulierter Handelsplätze kann die Liquidität ausdünnen, was Kurse kurzfristig treiben, langfristig aber die Handelbarkeit erschweren kann. Wer heute auf der Suche nach schnellen Gewinnen einsteigt, unterschätzt leicht, wie dünn der Markt nach 2027 werden könnte.
Die aktuelle Rangliste und die Kursstände stammen aus der Übersicht von Forbes. Das Fazit ist unbequem: Der Markt feiert Privacy Coins in dem Moment, in dem der grösste regulierte Wirtschaftsraum der Welt ihnen die Tür weist. Für Anleger heisst das, den Kalender bis 2027 ebenso im Blick zu behalten wie den Kurs.