Noch im Frühsommer stritt der Markt nur über das Tempo der Lockerung. Wie viele Zinssenkungen, wie schnell, ab wann. Anfang September steht die Frage auf dem Kopf. Die Terminmärkte preisen für die kommende Fed-Sitzung mehrheitlich eine Zinserhöhung ein. Für Bitcoin, der im August noch von rund 63.000 auf über 80.000 Dollar gestiegen war, ist das eine kalte Dusche.
Auslöser war eine Rede des Fed-Vorsitzenden Warsh in Jackson Hole. Danach sprang die vom CME-FedWatch-Tool abgeleitete Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September von 35,4 auf 55,7 Prozent. Am 31. August lag sie bei 57 bis 58 Prozent, einen Tag später bei 66,4 Prozent. In der Vorwoche hatten noch 60,4 Prozent auf unveränderte Zinsen gesetzt. Die Erwartung hat sich in wenigen Tagen gedreht.
Die Inflation will nicht weichen
Hinter dem Umschwung stehen harte Daten. Die jährliche PCE-Inflation, das bevorzugte Maß der Fed, liegt bei 3,7 Prozent. Auf Sechsmonatssicht sind es sogar 4,1 Prozent. Mehr als die Hälfte der Positionen im PCE-Warenkorb verteuerte sich um über drei Prozent im Jahr. Das Ziel der Fed lautet zwei Prozent. Der Abstand ist groß und er wächst zuletzt eher, als dass er schrumpft.
Dazu kommt ein Ölschock. Nach den ersten US-Angriffen auf den Iran seit Juli und weiteren Drohungen aus Washington zogen die Ölpreise an. Brent notierte bei rund 91 Dollar je Barrel, die strategische US-Reserve fiel laut Bericht auf 289,7 Millionen Barrel, den niedrigsten Stand seit November 1982. Teurer Rohstoff heißt teurere Produktion und höhere Verbraucherpreise. Genau das, was eine Notenbank im Kampf gegen Inflation nicht brauchen kann.
Warum das den Bitcoin-Kurs drückt
Höhere Zinsen entziehen riskanten Anlagen Kapital. Wenn eine sichere Staatsanleihe wieder ordentlich verzinst wird, sinkt der Anreiz, in volatile Werte wie Kryptowährungen zu gehen. Bitcoin fiel nach den Warsh-Aussagen um etwa drei Prozent unter 77.000 Dollar und erholte sich dann leicht in Richtung 78.000 Dollar. Ether hielt sich knapp über 2.450 Dollar.
Bemerkenswert ist der Bruch mit dem Sommer. Der August war ein starker Monat, in dem der Kurs fast 25 Prozent zulegte. Diese Bewegung und die Frage, warum der Wind sich anschließend drehte, haben wir in einer eigenen Analyse zum August nachgezeichnet. Der makroökonomische Gegenwind ist der rote Faden, der die Kursschwäche seit Monatswechsel erklärt. Auch die jüngsten Abflüsse aus den Bitcoin-ETFs passen in dieses Bild.
Die These vom digitalen Gold, das gegen Inflation schützt, gerät dabei erneut unter Druck. In einem Umfeld steigender Realzinsen verhält sich Bitcoin weniger wie ein sicherer Hafen und mehr wie eine Technologieaktie. Der CryptoQuant-Analyst Ardi verwies zuletzt auf ebendiese Empfindlichkeit gegenüber der Geldpolitik.
Man darf die Reaktion aber nicht überzeichnen. Eine einzelne Zinserhöhung von 25 Basispunkten verändert die langfristige Anlagestory für Kryptowährungen nicht grundlegend. Was den Markt bewegt, ist die Richtung der Erwartungen. Solange die Zahl der eingepreisten Zinserhöhungen steigt und nicht fällt, bleibt der Druck bestehen. Erst wenn die Inflationsdaten drehen, kippt auch die Zinserwartung wieder zugunsten der Risikoanlagen.
Nicht nur die Fed strafft
Für Anleger im DACH-Raum ist der Blick über den Atlantik nur die halbe Geschichte. Die Europäische Zentralbank hielt ihren Einlagensatz zuletzt bei 2,25 Prozent, wie Moneycab berichtet. Die Teuerung im Euroraum lag im Juni bei 2,8 Prozent und damit näher am Ziel als in den USA. Doch auch in Frankfurt ist der Ölschock ein Thema. EZB-Chefin Lagarde betonte, die Wirkung des Energiepreisschocks auf die Inflation habe sich noch nicht voll entfaltet.
Steigen die Zinsen auf beiden Seiten des Atlantiks, fehlt dem Kryptomarkt der Rückenwind billigen Geldes gleich doppelt. Ein starker Dollar, wie ihn die Aussicht auf eine Fed-Zinserhöhung stützt, verteuert zudem viele Rohstoffe und belastet Schwellenländer. Krypto bewegt sich in diesem Geflecht selten unabhängig.
Was jetzt zu beobachten ist
Der Markt rechnet nicht mit einer einzelnen Erhöhung. JPMorgan erwartet den nächsten Schritt im Dezember, Barclays sogar zwei Schritte zu je 25 Basispunkten im September und Dezember. Wichtig bleibt, dass 66 Prozent noch keine ausgemachte Sache sind. Als so gut wie sicher gilt an den Terminmärkten üblicherweise erst ein Wert um 90 Prozent.
Konkret hängt viel an der nächsten Inflationsveröffentlichung und an der Entwicklung des Ölpreises. Kühlt die Teuerung ab oder beruhigt sich der Iran-Konflikt, kann die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung ebenso schnell wieder fallen, wie sie gestiegen ist. Bis dahin handelt Bitcoin im Takt der Notenbanken, nicht im Takt der eigenen Nachrichtenlage.