Bitcoin, Ethereum, Solana und XRP haben im vergangenen Monat kräftig zugelegt, jeder von ihnen um mehr als 20 Prozent. Und doch stehen alle vier für das Jahr 2026 weiter im Minus. Diese Kluft zwischen starkem Monat und schwacher Jahresbilanz ist die eigentliche Geschichte hinter den Kursen und sie entscheidet darüber, welcher der großen Coins zuerst wieder seinen Jahresstart erreicht.
Der Stand vom 9. September 2026 zeigt das Muster deutlich. Die Erholung seit dem Sommer war real, aber sie hat die Verluste vom Jahresbeginn erst zum Teil aufgeholt. Ein Monat mit hohen Prozentgewinnen kann in der Jahresrechnung immer noch ein Verlust bleiben, und genau diese Doppelperspektive trennt die vier Werte voneinander.
| Coin | Kurs (9. September) | Gewinn im Monat | Bilanz 2026 |
|---|---|---|---|
| Bitcoin | rund 78.600 USD | etwa 20 Prozent | rund minus 10 Prozent |
| Ethereum | rund 2.490 USD | etwa 29 Prozent | rund minus 20 Prozent |
| Solana | rund 103 USD | etwa 36 Prozent | im Minus |
| XRP | rund 1,42 USD | etwa 35 Prozent | im Minus |
Warum die Erholungslücke Bitcoin bevorzugt
Rechnet man aus, wie viel jeder Coin noch braucht, um seinen Kurs vom Jahresanfang zurückzuerobern, liegt Bitcoin vorn. Von rund 78.600 US-Dollar bis zum Startniveau von 87.497 US-Dollar fehlen etwa 11 Prozent. Ethereum begann das Jahr bei 3.124 US-Dollar und müsste von seinem aktuellen Niveau rund 25 Prozent zulegen, um dorthin zurückzukehren. Die kleinere Lücke ist ein struktureller Vorteil: Der gleiche prozentuale Marktaufschwung bringt Bitcoin schneller in die schwarzen Zahlen als die Altcoins.
Dieser Effekt wird oft übersehen, weil die Aufmerksamkeit den größten Tagesgewinnern gilt. Steigt der Gesamtmarkt an einem guten Tag um fünf Prozent, springt ein volatiler Altcoin womöglich um acht oder zehn Prozent, während Bitcoin nur um drei oder vier zulegt. Über Wochen betrachtet zählt aber nicht der schnellste Sprung, sondern der Abstand zum Ausgangspunkt. Und der ist bei Bitcoin am kleinsten. Wer die tiefere Ausgangslage der Altcoins nachvollziehen will, findet die Details in unserem Rückblick auf die Jahresbilanz der Altcoins nach der August-Rally.
Institutionelles Geld folgt der gleichen Linie
Zur Rechenlogik kommt die Nachfrage über die Spot-ETFs, und die verteilt sich sehr ungleich. In der Woche bis zum 4. September flossen den Bitcoin-Fonds rund 986,9 Millionen US-Dollar zu. Die Ethereum-Produkte kamen im selben Zeitraum auf etwa 218,4 Millionen US-Dollar, bei den übrigen Altcoins waren die Zuflüsse minimal. Das institutionelle Kapital, das über regulierte Fonds in den Markt kommt, sucht bislang überwiegend Bitcoin. Diese Nachfrage stützt die These, dass die Nummer eins auch die Erholung anführt.
Wichtig ist dabei die Blickrichtung dieses Kapitals. ETF-Zuflüsse sind kein kurzfristiges Handelssignal, sondern spiegeln Allokationsentscheidungen von Vermögensverwaltern und größeren Anlegern wider, die über Monate denken. Solange dieser Strom vor allem in Bitcoin läuft, hat der größte Coin einen Rückhalt, den die Altcoins in dieser Form nicht haben. Das ist die Brücke zwischen der reinen Kursrechnung und der Frage, wer die Erholung tatsächlich trägt.
Der Fall für die Altcoins
Gegen die Bitcoin-These lässt sich einiges anführen. Die höheren Monatsgewinne von Solana und XRP zeigen, dass in Aufwärtsphasen genau diese Werte am stärksten anziehen. Eine tiefere Ausgangsbasis kann sich in einen Vorteil verwandeln, wenn die Risikobereitschaft am Markt zurückkehrt und Kapital von Bitcoin in kleinere Coins rotiert. Historisch folgten auf Bitcoin-Erholungen oft Phasen, in denen die Altcoins prozentual deutlich mehr aufholten. Ein projektbezogener Auslöser, etwa eine Zulassung für weitere Spot-Produkte, könnte diese Rotation zusätzlich beschleunigen.
Der Haken bleibt das Timing. Diese Sprünge müssten früh und kräftig genug kommen, um die größere Jahreslücke zu schließen, bevor Bitcoin seinen kleineren Rückstand aufgeholt hat. Bis dahin gilt: Was für einen Altcoin nach einer starken Rally aussieht, bleibt in der Jahresrechnung oft ein Verlust.
Was das für DACH-Anleger bedeutet
Für Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz kommt eine Ebene hinzu, die im US-Blick fehlt. Wer eine Position hält und auf die Rückkehr zum Jahresstart wartet, bewegt sich zugleich innerhalb der einjährigen Haltefrist nach Paragraf 23 EStG. Wird ein Coin erst nach mehr als einem Jahr Haltedauer mit Gewinn verkauft, bleibt dieser Gewinn in Deutschland steuerfrei. Der Blick auf die Erholung ist damit nicht nur eine Kursfrage, sondern auch eine des Zeithorizonts. Der breitere Marktkontext für Bitcoin, zwischen Zinsen und Konjunkturdaten, steht in unserer Analyse zu Bitcoin unter Druck von EZB und Fed.
Unterm Strich spricht die Kombination aus kleinerer Erholungslücke und klarer ETF-Nachfrage dafür, dass Bitcoin seinen Jahresstart vor den Altcoins zurückerobert. Sicher ist das nicht. Ein einzelner starker Datenpunkt, etwa die anstehenden US-Inflationszahlen am Freitag, kann das Bild kurzfristig drehen. Doch die Struktur hinter den Kursen zeigt aktuell in Richtung der Nummer eins.